AUS DER PRAXIS

DIE STAUMAUER HÄLT

Angesetzt waren dreißig Minuten. Gegangen bin ich nach drei Stunden.

Siebzehn Uhr bis halb sechs. Zwei geschäftsführende Gesellschafter, ein Unternehmen, das Tragwerke plant und rechnet, international. Ein informelles Gespräch, so stand es im Kalender. Also der Termin, den man ans Ende eines Tages legt, weil er nicht dringend ist.

Ich habe mit zwei Sätzen begonnen, die ich so meine.

Der erste war Respekt für das, wofür sie geradestehen. Wenn irgendwo auf der Welt eine Staumauer nicht hält oder eine Hochspannungsleitung bricht, dann steht am Ende eine Berechnung, und unter dieser Berechnung steht ein Name. Diese Verantwortung zu tragen, jeden Tag, ist etwas anderes als ein Quartalsziel zu verfehlen.

Der zweite war Respekt dafür, dass sie überhaupt dasitzen. Nicht um zu hören, wie eine neue Technologie ihre Arbeit beschleunigt. Sondern um zu prüfen, ob sie ihr Geschäftsmodell noch trägt.

Sie bauen nicht. Sie rechnen. Und genau das ist die Stelle, an der es eng wird.

Das ist die Umkehrung, die an diesem Abend im Raum stand. Zwei Männer, deren ganzes Berufsleben davon handelt, dass etwas nicht einstürzt. Und das, was ins Rutschen kommen kann, ist nicht das Bauwerk. Es ist der Schreibtisch davor. Der Plan, die Berechnung, die Zeichnung. Das Denken, das dem Beton vorausgeht.

Wir haben drei Stunden lang an drei Fragen gearbeitet. Wobei hilft es wirklich. Wo greift es die eigene Wertschöpfung an. Und wie viel Zeit bleibt.

Die dritte Frage ist die unangenehmste, weil sie sich nicht delegieren lässt. Ein Werkzeug kann man testen lassen. Eine Software kann man evaluieren lassen. Ob das eigene Geschäftsmodell in fünf Jahren noch dasteht, kann niemand für dich prüfen.

Auf dem Heimweg habe ich mich etwas anderes gefragt. Nicht, warum das Gespräch drei Stunden gedauert hat. Sondern warum dafür dreißig Minuten angesetzt waren.

Schau in deinen Kalender. Alles, was den Betrieb am Laufen hält, hat dort einen festen Platz. Jour fixe, wöchentlich, sechzig Minuten, seit vier Jahren. Freigaben, Statusrunden, Eskalationen. Alles wiederkehrend, alles mit Slot.

Und jetzt suche den Termin, in dem geprüft wird, ob das, womit ihr euer Geld verdient, in fünf Jahren noch existiert.

Was dringend ist, bekommt einen Termin. Was existenziell ist, bekommt einen Restplatz um fünf.

Das ist kein Vorwurf an diese zwei. Im Gegenteil, sie gehören zu den wenigen, die überhaupt gefragt haben. Die meisten warten, bis ein Kunde fragt, warum ein Angebot plötzlich das Dreifache dessen kostet, was jemand anderer aufruft.

Es ist eine Beobachtung über Kalender. Ein Kalender bildet nicht ab, was wichtig ist. Er bildet ab, was jemand einmal wiederholend eingetragen hat. Alles andere muss sich jedes Mal neu einen Platz erkämpfen, und verliert.

Deshalb ist der Satz „dafür habe ich keine Zeit" fast immer falsch. Die Zeit war da. Wir haben an diesem Abend drei Stunden gefunden, ohne dass jemand etwas absagen musste. Sie stand nur nirgends.

„Wie lange haben wir noch?"

Es gibt Fragen, die man nicht zwischen Tür und Angel beantwortet. Und es gibt Fragen, die nie gestellt werden, weil niemand sie einträgt.

Die Staumauer hält. Sie ist berechnet, geprüft, gebaut, und sie wird noch stehen, wenn wir alle nicht mehr da sind.

Die offene Frage ist, wer sie das nächste Mal berechnet.


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