DER BUS DER LINIE 2A
Ein Geschäftsführer erzählt mir, dass er dringend Urlaub braucht. Zwölf bis fünfzehn Stunden im Büro, jeden Tag.
Ich sage ihm, dass ich dieses Gefühl nicht kenne. Nicht aus Härte gegen mich selbst, sondern weil ich das, was ich tue, gerne tue. Es gibt keinen Zustand, aus dem ich mich erholen müsste.
Seine Antwort kam ohne Pause.
„Ich brauche Urlaub, damit ich endlich wieder selbst meinen Tag gestalten kann. Und nicht jemand anderer."
Das ist ein bemerkenswerter Satz. Er sagt nicht, dass er müde ist. Er sagt, dass sein Tag ihm nicht gehört.
Also habe ich das Naheliegende gefragt. Er ist Geschäftsführer. Warum sitzt er nicht am Steuer?
Er hat kurz überlegt und dann etwas gesagt, das ich seither nicht mehr loswerde.
„Ich sitze am Steuer. Im Bus der Linie 2A."
Ein Busfahrer hat beide Hände am Lenkrad. Er steuert jeden Meter. Er bremst, er beschleunigt, er weicht aus. Von außen sieht das aus wie vollständige Kontrolle.
Nur entscheidet er nichts. Die Linie ist festgelegt. Die Haltestellen stehen fest, auch die, an denen nie jemand einsteigt. Die Route ist dieselbe wie gestern. Und am Ende des Tages sagt ihm jemand anderer, wann die Fahrt zu Ende ist.
Genau so fühlt sich Führung an, wenn man aufgehört hat, am System zu arbeiten. Du bist ununterbrochen beschäftigt. Du triffst hunderte kleine Entscheidungen am Tag. Du bist unverzichtbar. Und du bestimmst nichts von dem, was zählt.
Ein Lenkrad ist kein Beweis für Freiheit.
Steuern und entscheiden sind zwei verschiedene Dinge, und sie fühlen sich fast gleich an. Beides ist anstrengend. Beides erzeugt am Abend das Gefühl, gearbeitet zu haben. Nur das eine bringt dich irgendwohin und das andere bringt dich zurück zur Endstelle.
Und genau hier hört der Vergleich auf zu stimmen. Nicht weil er zu hart wäre. Weil er zu freundlich ist.
Ein Busfahrer kann die 2A nicht ändern. Er darf es nicht und er wird nicht dafür bezahlt.
Diesem Mann gehören die Wiener Linien.
Er könnte Haltestellen streichen. Er könnte den Fahrplan neu schreiben. Er könnte die 2A einstellen. Er könnte entscheiden, dass in diesem Bezirk überhaupt kein Bus mehr fährt, sondern etwas völlig anderes.
Er fährt die 2A.
Ihm gehört das Netz. Er sieht die nächste Haltestelle.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Frage der Sicht. Aus dem Fahrersitz sieht man das Netz nicht. Man sieht die Windschutzscheibe und den nächsten Halt. Wer im Bus sitzt, denkt in Haltestellen. Der Linienplan hängt draußen, an der Wand der Station.
Deshalb ist auch der gut gemeinte Rat, strategischer zu arbeiten, so nutzlos. Er verlangt vom Fahrer, das Netz zu sehen, während er fährt. Das geht nicht. Man muss anhalten und aussteigen.
Und der Bus hält nicht von selbst. An jeder Haltestelle steht jemand, der etwas braucht, und jeder Einzelne hat recht. Es gibt keinen Moment, in dem niemand wartet. Den muss man selbst herstellen, und in dieser Minute wartet nachweislich jemand umsonst.
Damit wird auch der Urlaub zu etwas anderem, als er zu sein scheint. Er ist keine Erholung. Er ist die einzige Zeit im Jahr, in der dieser Mann selbst entscheidet, wann sein Tag anfängt und wann er aufhört.
Drei Wochen im Driver's Seat. Neunundvierzig auf der 2A.
Wer Urlaub braucht, um sein eigenes Leben zu gestalten, hat kein Erholungsproblem.
Er hat den Urlaub gebucht. Zu Recht, er hat ihn verdient.
Die Linie fährt weiter, während er weg ist. Das ist die gute Nachricht. Und die schlechte.